Debatte um „ISO-20022-konformes“ XRP – Ex-Ripple-Manager räumt mit Missverständnissen auf
Eine altbekannte Kontroverse in der XRP-Community ist erneut hochgekocht – und diesmal sehr öffentlich: Die Behauptung, XRP sei „ISO-20022-konform“ und habe diesen Standard sogar priorisiert, steht erneut im Kreuzfeuer. Auslöser war ein viraler Beitrag des Investors Jake Claver, der auf X schrieb, dass XRP „noch vor allen anderen Kryptowährungen die ISO-20022-Compliance priorisiert“ habe. Er bezifferte die angebliche Abwicklungsleistung des Netzwerks auf 434 Milliarden USD pro Tag und erklärte ISO 20022 zum „Brückenschlüssel“ für die Tokenisierung und Übertragung riesiger Vermögensmengen über Bankeninfrastrukturen.
Diese Aussagen stießen auf scharfe Kritik – insbesondere von Matt Hamilton, ehemaliger Director of Developer Relations bei Ripple.
Ripple ist nicht das XRP Ledger – und ISO 20022 kein Token-Merkmal
Hamilton reagierte am 12. August unmissverständlich:
„XRP hat ISO20022 überhaupt nicht priorisiert. Es gibt buchstäblich nichts im Code oder Netzwerk des XRP Ledgers, das irgendetwas mit ISO20022 zu tun hat. Das war von Anfang an nur eine Farce, die von Leuten wie dir verbreitet wurde.“
Sein Kernargument: ISO 20022 ist ein Nachrichten- und Datenstandard für Finanztransaktionen, der in Bank- und Marktinfrastrukturen angewendet wird – kein Merkmal, das ein Token „haben“ kann.
XRP did not prioritise ISO20022 whatsoever. There is literally nothing in the XRP Ledger codebase or network that has anything at all to do with ISO20022. It has been entirely a charade perpetuated by scammers like yourself.
— Matt Hamilton (@HammerToe) August 12, 2025
Auf einen weiteren Post, in dem behauptet wurde, Kryptowährungen bräuchten für ISO 20022 nur eine API, entgegnete Hamilton, dass das XRP Ledger selbst eine solche API nicht besitze. Ripple – das Unternehmen – könne jedoch mit ISO-20022-konformen Nachrichten arbeiten, z. B. über RippleNet für ODL-Transaktionen (On-Demand Liquidity). Der entscheidende Punkt: Diese Funktionalität liegt in der Software- und Integrationsschicht von Ripple, nicht im Open-Source-XRP-Ledger.
Claver korrigierte später seine Wortwahl und räumte ein, dass er im ersten Satz „Ripple“ hätte schreiben müssen. Hamilton blieb skeptisch und erklärte, der inhaltliche Sprung von Unternehmensintegration zu Tokenisierungsthese mache die Aussage eher noch schwächer.
Was ISO 20022 tatsächlich ist – und was nicht
ISO 20022 ist ein internationaler Nachrichtenstandard für den Zahlungsverkehr, Wertpapierhandel, Devisenhandel und andere Finanztransaktionen. Er sorgt für strukturierte, maschinenlesbare Datensätze mit einheitlicher Modellierung, sodass Banken und Finanzmarktinfrastrukturen reibungslos Daten austauschen können.
Wichtige Klarstellung:
- ISO 20022 definiert Nachrichtenformate, nicht den Vermögenswert selbst.
- Eine „ISO-konforme Kryptowährung“ im engeren Sinne gibt es nicht – nur Systeme oder Software, die ISO-20022-Nachrichten empfangen, verarbeiten oder erzeugen können.
- Ripple ist seit 2020 Mitglied der ISO 20022 Registration Management Group und hat RippleNet so ausgerichtet, dass es mit ISO-20022-konformen Bankflows interoperabel ist.
Das heißt: XRP kann Teil eines Prozesses sein, der auf einer ISO-20022-Nachricht basiert, wenn diese z. B. über RippleNet hereinkommt und dann in eine Ledger-Transaktion übersetzt wird. Aber der Standard ist nicht „im Token“ eingebaut – und verleiht XRP auch keinen automatischen regulatorischen oder markttechnischen Vorteil.
Warum die Debatte nicht verschwindet
Für viele Investoren ist ISO 20022 ein Signalwort, das sie mit moderner Finanzinfrastruktur und institutioneller Adoption verbinden. Diese Assoziation macht es attraktiv, XRP damit zu verknüpfen – auch wenn der Zusammenhang technisch komplexer und indirekter ist.
Hamiltons Einwand ist deshalb mehr als nur semantisch: Er will verhindern, dass Marketing- oder Community-Narrative technische Realitäten verzerren und Kleinanlegern ein falsches Bild von Funktionalität und Bedeutung geben. Das Problem: Solange Ripple in seinen Corporate-Statements ISO 20022 als Integrationsvorteil betont, bleibt die Gefahr hoch, dass diese Details im breiten Markt verkürzt – oder falsch – wiedergegeben werden.