Warum Analysten Bitcoin auf 450.000 US-Dollar und Krypto auf 100 Billionen taxieren
Ein neues Narrativ durchzieht die Welt der Makroanalyse – eine große, systemische Erklärung dafür, warum Bitcoin und digitale Assets in den kommenden zehn Jahren die dominierende Anlageklasse werden könnten. Julien Bittel, Forschungschef bei Global Macro Investor (GMI), hat in einem umfassenden Analyse-Thread auf X seine These vorgestellt: Das Zusammenspiel von Demografie, Schulden und Liquidität zwingt Kapitalmärkte in eine neue Realität. Und in dieser neuen Ordnung könnte die Kryptoindustrie von heute etwa 3,5 Billionen US-Dollar auf über 100 Billionen US-Dollar anwachsen.
Demografie und Schulden: Das Fundament für eine neue Finanzordnung
Im Zentrum von Bittels Analyse steht ein Problem, das sich schleichend, aber unausweichlich entfaltet: der Rückgang der Erwerbsbevölkerung in den entwickelten Volkswirtschaften. Die Zahl der Arbeitskräfte sinkt, und gleichzeitig steigen die Verpflichtungen aus Renten- und Sozialversicherungen weiter. „Das Arbeitskräfteangebot wird nicht zurückkommen“, warnt Bittel. „Gleichzeitig übernehmen KI und Automatisierung immer mehr Aufgaben – das ist deflationär.“
The Everything Code TL;DR.
The labor force participation rate isn’t going to rise anytime soon – it’s set to keep declining over time. This is a structural problem…
We’ve got aging demographics, falling birth rates, and now the rise of automation.
Humans are already being… pic.twitter.com/OwsOQWeXAo
— Julien Bittel, CFA (@BittelJulien) June 9, 2025
Doch statt dieser Entwicklung mit Sparmaßnahmen zu begegnen, greifen Staaten und Zentralbanken immer häufiger zu Stimulus-Programmen, um ihre Wirtschaften künstlich zu stützen. „Weniger Arbeiter. Mehr Technologie. Gleiche Schulden“, fasst Bittel das Grundproblem zusammen. Dieser Zustand führt zu einem strukturellen Bedarf an zusätzlicher Liquidität – ohne die das fragile System kollabieren könnte.
Im nächsten Schritt analysiert Bittel die globale Schuldenlage. Sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor liegen die Schulden bei rund 120 % des weltweiten BIP. Damit sei klar: Wachstum allein werde das Problem nicht lösen. „Die Antwort ist mehr Schulden“, so Bittel. „Das System überlebt nur durch stetige Ausweitung.“ Eine Rückkehr zu echter fiskalischer Disziplin hält er für politisch und wirtschaftlich unrealistisch.
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Liquidität als neue Leitwährung – und Bitcoin als Fluchtventil
In der Logik von Global Macro Investor ist nicht Inflation oder Wachstum die zentrale Steuerungsgröße – sondern Liquidität. Wenn Zentralbanken ihre Bilanzen ausweiten und Geschäftsbanken Kredite vergeben, fließt Geld in die Märkte. Dieser sogenannte „Total Liquidity“-Indikator erklärt laut Bittel etwa 90 % der Bitcoin-Bewegungen und 95 % der Kursentwicklung des Nasdaq 100.
Und genau hier kommt Bitcoin ins Spiel. Als digitales, knappes Gut mit vorbestimmtem Angebot (21 Millionen Coins) und keiner zentralen Steuerung ist es für viele Investoren zum Schutzschild gegen Kaufkraftverlust geworden. Seit 2010 hat Bitcoin laut Bittel eine reale jährliche Rendite von über 150 % oberhalb der Inflationsrate erzielt – deutlich mehr als jede andere Anlageform. Zum Vergleich: Der Nasdaq schaffte im gleichen Zeitraum rund 13 % real – und liegt damit gegenüber Bitcoin über 99 % im Minus.
Bittel folgert daraus:
„Bargeld ist heute eines der riskantesten Assets überhaupt. Bitcoin ist die Antwort auf eine Welt mit steigender Verschuldung und wachsender Liquiditätsabhängigkeit.“
Das 100-Billionen-Dollar-Ziel – und was dahintersteckt
Diese fundamentale Argumentation mündet in eine drastische Prognose: Bittel glaubt, dass Bitcoin und der gesamte Kryptomarkt innerhalb der nächsten sieben bis zehn Jahre auf eine Marktkapitalisierung von 100 Billionen US-Dollar anwachsen könnten. Vom heutigen Niveau aus entspricht das einer jährlichen Wachstumsrate von 40–60 % – nicht ohne Risiko, aber auch nicht ohne historische Parallelen.
Zur Einordnung: Die Marktkapitalisierung aller Krypto-Assets liegt derzeit bei rund 3,5 Billionen US-Dollar. Ein Anstieg auf 100 Billionen wäre ein 28-facher Zuwachs. Allein Bitcoin müsste dafür – konservativ geschätzt – auf über 450.000 US-Dollar pro Coin steigen. Diese Zahl deckt sich mit den Zielen, die Raoul Pal, Gründer von Real Vision und GMI, kürzlich in seiner Präsentation auf der „Sui Basecamp“-Konferenz nannte. Er sprach von einer „Banana Zone“ – einem Zustand, in dem Reflexivität (also die gegenseitige Verstärkung von Narrativen und Marktbewegungen) extreme Kursanstiege ermöglichen könne.
Für Bittel ist klar:
„Wir befinden uns in einem globalen Wettlauf – ein Rennen von Staaten, Institutionen und Individuen, so viele Bitcoin wie möglich zu akkumulieren.“ Und dieses
Rennen, so glaubt er, wird zur größten Vermögensverschiebung der Moderne führen.
Julien Bittels „Everything Code“ ist mehr als nur ein bullisches Krypto-Narrativ. Es ist eine komplexe, aber strukturierte Erklärung dafür, wie demografische Trends, die Schuldenkrise und die Geldpolitik der Zentralbanken eine neue Anlagelogik erzwingen – eine, in der digitale, knappe, liquide Assets im Mittelpunkt stehen.
Ob der Kryptomarkt wirklich auf 100 Billionen US-Dollar wachsen kann, bleibt offen. Aber die Kernaussage ist klar: Bitcoin ist aus Sicht vieler Makro-Analysten kein spekulatives Randphänomen mehr – sondern ein zentrales Element zukünftiger Kapitalmärkte.
Für Investoren, die bereit sind, langfristig zu denken und kurzfristige Volatilität zu ertragen, könnte sich – so Bittel – hier die größte Investmentchance unserer Zeit bieten.