Binance und die Compliance-Frage: Neue Leaks stellen Plea Deal infrage

Marc Wenzel
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Marc Wenzel
Krypto-Analyst & Marktstratege

Seit 13 Jahren ist er tief in der Kryptoszene verwurzelt und hat den Aufstieg von Bitcoin sowie DeFi von Anfang an begleitet. Mit Fokus auf wirtschaftliche Hintergründe analysiert er den Markt sachlich und kritisch. Er hilft dabei Risiken besser zu verstehen und Chancen klar einzuordnen.

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Binance und die Compliance-Frage: Neue Leaks stellen Plea Deal infrage

Der weltweit größte Krypto-Handelsplatz steht erneut im Fokus regulatorischer Kritik. Auslöser ist ein Bericht der Financial Times, der auf geleakten internen Daten basiert und Zweifel an der Wirksamkeit von Binances Compliance-Reformen aufwirft. Trotz eines milliardenschweren Vergleichs mit US-Behörden im November 2023 und der Zusage, Geldwäscheprävention und Sanktionskontrollen deutlich zu verschärfen, sollen verdächtige Konten weiterhin aktiv gewesen sein. Im Zentrum der Vorwürfe steht ein Volumen von 144 Millionen US-Dollar, das nach dem Plea Deal noch bewegt wurde – und damit genau in den Zeitraum fällt, in dem Binance eigentlich unter verschärfter Aufsicht steht.

Binance unter Beobachtung: Der Vergleich von 2023 als Einschnitt

Im November 2023 einigte sich Binance mit den US-Behörden FinCEN und OFAC auf einen der größten Vergleiche der Krypto-Geschichte. Hintergrund waren Verstöße gegen das Bank Secrecy Act sowie Sanktionsauflagen. Die Börse verpflichtete sich zu Strafzahlungen in Höhe von 4,368 Milliarden US-Dollar und zu umfassenden Reformen im Bereich Geldwäscheprävention. Teil der Einigung war zudem der Rücktritt von Gründer und CEO Changpeng Zhao. Gleichzeitig akzeptierte Binance eine fünfjährige Überwachung durch FinCEN-Monitore, die sicherstellen sollen, dass neue Anti-Money-Laundering(AML)-Standards eingehalten und verdächtige Aktivitäten frühzeitig unterbunden werden.

In einem späteren Schritt rückte Zhao erneut in den Fokus der öffentlichen Debatte, nachdem er von US-Präsident Donald Trump begnadigt wurde. Die Entscheidung sorgte für Diskussionen, da Zhao zuvor mit Investitionen in Krypto-Projekte in Verbindung gebracht worden war, die dem Umfeld Trumps zugerechnet werden. Ein belegter Zusammenhang zwischen diesen Investitionen und der Begnadigung liegt nicht vor, dennoch wurde der Vorgang in Teilen der Branche als politisch sensibel wahrgenommen und trug zur anhaltenden Kontroverse rund um Binance und seine Führungsebene bei.

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Leaked Data: Verdächtige Konten weiter aktiv

Laut internen Dokumenten, die ausgewertet wurden, sollen nach dem Vergleich mindestens 13 als verdächtig eingestufte Konten weiterhin aktiv gewesen sein. Diese Accounts bewegten seit November 2023 rund 144 Millionen US-Dollar, obwohl strengere Kontrollen zugesagt waren.

Insgesamt summieren sich die Transaktionen dieser Konten seit 2021 sogar auf rund 1,7 Milliarden US-Dollar. Besonders brisant ist, dass einige der Aktivitäten in den Zeitraum der laufenden Monitorship fallen, die eigentlich genau solche Vorgänge verhindern soll.

Auffällige Muster und klassische Red Flags

Einzelne Konten zeigen Muster, die im AML-Kontext als klare Warnsignale gelten. So war ein Account auf eine junge Frau aus Venezuela registriert, die innerhalb von zwei Jahren über 177 Millionen US-Dollar in Kryptowährungen erhielt. Auffällig: Die hinterlegten Zahlungsdaten wurden hunderte Male geändert.

Ein anderes Konto, registriert auf einen Bankangestellten aus Caracas, verzeichnete Transaktionen von rund 93 Millionen US-Dollar. IP-Logs zeigten Zugriffe aus Venezuela und nur Stunden später aus Japan – ein typisches Indiz für mögliche Strohmänner oder koordinierte Nutzung.


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Internationale Verflechtungen erhöhen den Druck auf Binance

Die betroffenen Konten waren in verschiedenen Ländern registriert, darunter Venezuela, Brasilien, Syrien, Niger und China. Viele dieser Jurisdiktionen gelten im internationalen Finanzsystem als Hochrisikoregionen mit erhöhten Anforderungen an die Sorgfaltspflichten.

Für Binance bedeutet das eigentlich verschärfte Prüfmechanismen bei Kontoeröffnung und Transaktionen. Dass dennoch hohe Summen bewegt wurden, wirft Fragen zur praktischen Umsetzung der neuen Compliance-Strukturen auf.

Binance und die Verbindung zu eingefrorenen USDT-Geldern

Zwischen Februar 2022 und März 2023 erhielten alle 13 Konten zusammen rund 29 Millionen USDT von Wallets, die später von israelischen Behörden wegen mutmaßlicher Terrorismusfinanzierung eingefroren wurden. Ein Großteil der Gelder soll aus Wallets stammen, die mit Tawfiq Al-Law in Verbindung gebracht werden.

Al-Law wird vorgeworfen, Gelder für Organisationen wie die Hizbollah, die Huthi im Jemen sowie Assad-nahe Strukturen transferiert zu haben. Seine Wallets wurden 2023 beschlagnahmt, 2024 folgten OFAC-Sanktionen. Zum Zeitpunkt der Transaktionen waren diese Sanktionen allerdings noch nicht in Kraft.


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Aktivität nach dem Plea Deal: Weniger, aber nicht null

Die verfügbaren Daten deuten darauf hin, dass die verdächtigen Konten nach November 2023 deutlich weniger aktiv waren. Die Transaktionsvolumina gingen zurück, größere Einzelbewegungen traten seltener auf. Ein vollständiges Einfrieren oder konsequentes Schließen der Accounts lässt sich jedoch nicht erkennen, vielmehr scheinen einzelne Konten weiterhin eingeschränkt, aber operativ nutzbar gewesen zu sein.

Gerade dieser Befund ist für die Bewertung der laufenden FinCEN-Monitorship zentral. Reduzierte Aktivität kann auf verstärkte interne Kontrollen und manuelle Prüfungen hindeuten, zeigt aber zugleich, dass die identifizierten Risiken nicht vollständig eliminiert wurden. Aus regulatorischer Sicht stellt sich damit weniger die Frage nach einem akuten Regelverstoß, sondern nach der Effektivität und Geschwindigkeit, mit der Binance problematische Strukturen im Rahmen der Aufsicht tatsächlich abbaut.


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Stellungnahme von Binance und regulatorische Risiken

Binance weist die Vorwürfe zurück und betont, dass alle Transaktionen auf Basis der jeweils verfügbaren Informationen bewertet worden seien. Keine der genannten Wallets sei zum Zeitpunkt der Aktivitäten offiziell sanktioniert gewesen. Zudem unterliege die Börse seit November 2023 einer unabhängigen Aufsicht.

Sollten die US-Behörden dennoch zu dem Schluss kommen, dass Binance seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen ist, drohen weitere Strafen. Im Raum steht eine ausgesetzte Zusatzstrafe von bis zu 150 Millionen US-Dollar – und ein erneuter Reputationsschaden für die Plattform.

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